Feedback zur Konferenz aus Berlin

Liebe Organisator*innen1 der 2. Internationalen Konferenz des Marxismus-Feminismus, wir sind eine Gruppe Studierender der Alice Salomon Hochschule Berlin, betreut von den Professor* innen Nivedita Prasad und Esra Erdem, die an der im Oktober in Wien stattgefundenen Konferenz teilgenommen haben. Im Rahmen eines semesterübergreifenden Seminars mit dem Titel “Intersektionale Perspektiven auf Kritische Soziale Arbeit” setzen wir uns unter anderem mit den Verschränkungen verschiedener gesellschaftlicher Machtverhältnisse auseinander. Da diese, von uns im Seminar behandelten Themen eine große Schnittmenge mit den Themen der Konferenz aufwiesen, entschieden wir uns für eine Teilnahme. Insgesamt sind wir mit 23 Personen nach Wien gereist. Zunächst möchten wir uns herzlich für das Ausrichten der Konferenz bei Euch bedanken. Die Organisation und der finanzielle Aufwand, eine solche Konferenz zu veranstalten, soll an dieser Stelle hervorgehoben werden. Darüber hinaus wollen wir die Möglichkeit der kostenlosen Teilnahme, sowie die ansprechenden Programmhefte würdigen. Eine gute Verknüpfung zwischen akademischer Theorie und Kunst stellte für uns das kulturelle Abendprogramm am zweiten Konferenztag dar. Allerdings stellten wir während der Konferenz im gemeinsamen Austausch fest, dass unsere Erwartungen an die Konferenz grundverschieden zu den Erfahrungen waren, die wir letztlich machten. Um unserem Unverständnis, unserer Irritation und Enttäuschung Ausdruck zu verleihen, schreiben wir Euch diesen Brief, mit dem Ziel einen Marxismus-Feminismus zu entwickeln, der alle anspricht, bündnisf.hig ist und eine Bezugnahme zu aktuellen sozialen Bewegungen beinhaltet. Dazu haben wir eine umfassende Evaluation unserer Erfahrungen zusammengestellt. Wir möchten, dass Ihr diesen Brief als eine Kritik von innen heraus begreift, die Marxismus-Feminismus neu denken und für kommende Generationen ansprechend gestalten will. Wir möchten Euch damit etwas zurückgeben und hoffen, Ihr könnt unsere umfangreichen Rückmeldungen annehmen und sie in die Planung zukünftiger Konferenzen miteinbeziehen. Feedback zur Struktur der Konferenz Die Konferenz findet nun zum dritten Mal in Europa statt. Um den Zugang für nicht-europäische Interessierte zu ermöglichen, wäre es nur konsequent, die Konferenz auch außerhalb Europas zu veranstalten. Eine Konferenz in Europa schließt u.U. alle Teilnehmenden aus, die Schwierigkeiten mit der Visabeschaffung für Europa haben bzw. nicht über die notwendigen finanziellen Ressourcen verfügen. Ein internationaler Austausch zwischen Feminist*innen weltweit, sowie das Aufbrechen 1 Mit dem Verwenden des sog. „Gendersternchens“ möchten wir zum einen auf die Konstruiertheit von Geschlechtern hinweisen, zum anderen Geschlechter jenseits des hegemonialen Zweigeschlechtersystems mitdenken. hegemonial westlichen, feministischen Wissens kann aber nur dann möglich werden, wenn die Hürden einer Teilnahme für alle niedrig sind. Die Entscheidung, die Bearbeitung der Themen fast ausschließlich in Form von Podien stattfinden zu lassen, empfanden wir als didaktisch unzureichend. Die Vorträge wurden leider von den meisten Referent*innen lediglich vom Papier abgelesen, wodurch der Inhalt für uns schwerer verständlich und oft nicht ansprechend war. Darüber hinaus wurde unsere Erwartung enttäuscht, als Publikum in thematische Auseinandersetzungen miteinbezogen zu werden. Die Diskussionen am Ende der Podien sind häufig aus zeitlichen Gründen nicht zustande gekommen. Wie bereits von anderen Teilnehmer* innen auf der Konferenz angemerkt, empfanden auch wir es als Hemmnis, sich nur über Standmikrofone gegenüber des Podiums zu Wort melden zu können. Die Beteiligung des Publikums wurde unserer Ansicht nach strukturell nicht ausreichend gefördert. Durch Fisch Bowl Diskussionen, Arbeitsgruppen oder Workshops hätten die Themen großflächiger, perspektivenreicher und kreativer von allen gemeinsam bearbeitet werden können. Wir haben Verständnis dafür, dass eine durchgängig professionelle Moderation aus finanziellen Gründen schwierig zu gewährleisten ist, dennoch sollten die Moderator*innen grundlegende Mindeststandards der Moderation erfüllen – so sollten sie bspw. Zusammenhänge herstellen, Fragen stellen, ein gutes Zeitmanagement haben oder Diskussionen einleiten und gestalten können. Auch ist uns bewusst, dass Simultanübersetzungen über Deutsch und Englisch hinaus finanziell kaum zu stemmen sind. Um die sprachlichen Barrieren für Menschen, die nicht fließend deutschbzw. englischsprachig sind, dennoch zumindest etwas abzubauen, wären verschiedensprachige Flüsterübersetzungen eine kostengünstigere Option. Als Ausnahme – sowohl aus struktureller, als auch inhaltlicher Sicht, möchten wir das Middle Eastern Panel hervorheben, welches von uns durchgängig als positiv bewertet wurde. Durch eine lebendige Vortragsweise mit verschiedenen Medien haben wir diese Veranstaltung als spannend, verständlich und lebendig wahrgenommen. Auch die dort verwendete Sprache war, im Gegensatz zu der Sprache auf vielen anderen Panels, zwar durchaus akademisch, aber dennoch gut zu verstehen. Wir hatten den Eindruck, die Referent*innen versuchten ihr theoretisches Wissen mit ihrer politischen Praxis zu verbinden und diese ständig miteinander abzugleichen. Leider fehlte uns dieses verbindende Moment oft auf anderen Podien. Während der Konferenz fiel uns auf, dass wir einigen Debatten nicht folgen konnten, da uns das entsprechende Hintergrundwissen fehlte. Um dem künftig entgegenzuwirken könnte über die Möglichkeit einer „Pre-Conference for Beginners“ nachgedacht werden, bei der, einen Tag vor Beginn der eigentlichen Konferenz, Interessierten Basiswissen über Marxismus-Feminismus vermittelt würde. Teilnehmer*innen aus unserer Gruppe machten auf der Konferenz Rassismus-Erfahrungen. Danach fanden sie keine adäquate Stelle, um den Vorfall mitzuteilen und ggf. Unterstützung zu bekommen. Dieser Umstand zeugt von einer fehlender oder ungenügenden Auseinandersetzung mit (Alltags-)Rassismus – einerseits von Teilen der Besucher*innen der Konferenz, andererseits aber vor allem vonseiten des Organisationsteams. Ein Awareness-Team kann solchen Erfahrungen nicht vorbeugen. Es kann aber als eine parteiische Anlaufstelle für Menschen fungieren, die von Diskriminierung betroffen sind und dafür sorgen, dass diskriminierendes Verhalten als solches benannt und ihm entschlossen entgegengetreten wird. Feedback zum Inhalt der Konferenz Im Bezug auf den Inhalt der Konferenz stellten wir uns gemeinsam Fragen wie: Was für ein Verständnis von Marxismus-Feminismus haben die Organisator*innen der Konferenz? An wen richtet sich die Konferenz? Zwischen wem sollen Brücken gebaut werden? Ein wichtiger Punkt der Kritik unserer Gruppe war, dass auf der Konferenz überwiegend überholte theoretische Verständnisse von Gender vorherrschend waren. Es wurde fast ausschließlich in einem binären Geschlechterverhältnis gedacht und gesprochen. Für Personen, die ein diverses Verständnis von Gender haben, die Lebensrealitäten jenseits der Kategorien Frau und Mann anerkennen, mitdenken oder sich selbst dort verorten, wurde es in dem Moment schwer, den Inhalten der Konferenz weiterhin wohlgesonnen zu folgen. Auf einem Podium spottete eine der Veranstalter*innen darüber, von wie vielen Geschlechtern manche Menschen mittlerweile schon ausgingen. So ist es nicht verwunderlich, dass sich spätestens dann potentielle Verbündete endgültig von der Konferenz und dem dort vertretenen Marxismus-Feminismus abwendeten. Hier möchten wir Euch noch einmal an euren enormen Einfluss als Organisations-Team der Konferenz bzw. als Institut für Kritische Theorie „InKrit“ erinnern und an einen bewussteren Umgang mit der Euch zugetragenen Macht appellieren. Auch darüber hinaus unterscheidet sich unser Verständnis von (Queer-)Feminismus von dem des dort überwiegend Vertretenen. Unser Feminismus ist ein intersektionaler Feminismus, in dem die Kategorien race, Gender, Behinderung und Klasse durchgehend und im Bezug auf jedes spezifische Thema zusammen gedacht werden. Auf der Konferenz wurden diese Ungleichheitskategorien jedoch wie separate Themen innerhalb von getrennten Panels behandelt und bü.ten dadurch ihren verbindenden Charakter ein. Durch diese Trennung und die fehlende Bezugnahme aufeinander, wirkte die Konferenz an vielen Stellen nicht zeitgemäß und konservativ. Die Überschrift “Building Bridges” erscheint uns nach der Konferenz wie eine leere Phrase, wie ein ungehaltenes Versprechen und nicht wie eine ernst gemeinte Prämisse, die es stets mitzudenken und zu erfüllen gilt. Auf der Konferenz wurde nach unserer Einschätzung zudem vornehmlich eurozentristisches Wissen reproduziert. Sogar innerhalb des Panels zu Intersektionalität, berief man sich eher auf Marx oder Luxemburg, als auf Wissenschaftler*innen of Color wie Angela Davis, Vandana Shiva oder Kimberlé Crenshaw, dessen Arbeiten ausschlaggebend für die Entwicklung des Konzepts der Intersektionalität waren. Darüber hinaus waren die Panels mehrheitlich mit weißen Personen besetzt und vielen Beiträgen lag eine eurozentristische Denkweise zu Grunde. Dies spiegelte sich auch im Publikum wider. Stark zu kritisieren ist weiter, dass nicht-weiße Frauen meist nur als Expert*innen ihrer Länder oder Regionen auftraten. Zum einen wollen wir uns dafür aussprechen, auf kommenden Konferenzen mehr Stimmen von Schwarzen Frauen*, Frauen* of Color, Migrant*innen und Frauen* mit Fluchterfahrung aus Europa zu Wort kommen zu lassen – sowohl als Referent*innen, als auch in einem Publikum, das aktiv an Diskussionen beteiligt wird – um so ihr Wissen als solches anzuerkennen und ihm Gehör zu verschaffen. Zum anderen möchten wir auch dafür plädieren, mehr Frauen* aus dem globalen Süden einzuladen. Damit würde ihnen der Besuch der Konferenz erleichtert – außerdem könnte ihnen die Möglichkeit einer Selbstrepräsentation geschaffen werden. Die inhaltliche Kritik unterstreicht auch unseren Eindruck vom Organisator*innenteam und von einem Teil der Teilnehmer*innen, die auf uns oft wie eine Art “Geschlossene Gesellschaft” wirkten – mit feststehenden politischen Überzeugungen und konkreten Vorstellungen eines Marxismus- Feminismus, an denen nur schwer zu rütteln ist und wo Außenstehende nur scheinbar partizipativen Einfluss auf die Entwicklung marxistisch-feministischen Denkens haben. Ein Beispiel dafür war das Verfahren mit den Thesen für ein etwaiges Marxistisch Feministisches Manifest, bei dem unserem Eindruck nach zwar eine gemeinsame Gestaltung suggeriert wurde, letztendlich aber nur noch kleine Änderungen an den bereits vorgefertigten Thesen vorgenommen werden konnten. Zusammenfassend sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass die Konferenz sich öffnen muss, insofern sie internationale, geschlechterübergreifende und breite links-feministische Bündnisse schließen will. Eine Zuwendung zu aktuellen Diskursen und den vielfältigen internationalen Bewegungen fördern Vielfalt und damit die gemeinsame Kraft, die alle links-feministisch aktiven Menschen zusammen entfalten könnten. Wir teilen mit Euch die Grundideen einer marxistisch-feministischen Gesellschaftsanalyse. Allerdings plädieren wir nachdrücklich dafür, diese dadurch anschlussfähig zu halten, dass progressivere Perspektiven, z.B. auf Gender und Intersektionalität, anerkannt und eingebunden werden. Wir hoffen, mit diesem Brief einen Beitrag zu einer lebhaften Diskussion im Marxismus-Feminismus leisten zu können und bitten Euch herzlich darum, dieses Schreiben auf Euren jeweiligen Internetplattformen zu veröffentlichen, so dass sich auch andere Konferenzteilnehmer*innen und Interessierte an der Auseinandersetzung beteiligen können. Falls Ihr dazu bereit wärt, könnten wir Euch dafür auch eine englische Übersetzung des Briefes, sowie ggf. auch anderssprachige Übersetzungen zur Verfügung stellen. Solidarische Grü.e, Das Seminar „Intersektionale Perspektiven auf Kritische Soziale Arbeit“ der Alice Salomon Hochschule unter der Leitung von Prof. Dr. Nivedita Prasad und Prof. Dr. Esra Erdem.

 

 

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s